Erlebnisbericht (Dr. Katja Liebal und Dr. Daniel Haun, August-September 2007)
Im Spätsommer 2007 unternahmen Dr. Katja Liebal und Dr. Daniel Haun eine Forschungsreise nach Borneo in die Auffangstation bei Pasir Panjang. Hier berichten Sie von Ihren Erlebnissen und Eindrücken:
Flug Frankfurt – Jakarta: nicht einmal 24 Stunden, und doch liegen Welten zwischen gestern und heute. Jakarta ist keine Liebe auf den ersten Blick. Und auch beim zweiten Hinschauen auf flirrendes Menschengewimmel in drückender Hitze, unglaubliches Elend auf der einen und verschwenderische Glitzerwelt auf der anderen Seite unter der allgegenwärtigen Dunstglocke über der Stadt verstärkt sich der Wunsch auf eine baldige Weiterreise.
Nach zweistündigem Flug durch Wolkenberge über dem Äquator und eine knapp zehnstündige Autofahrt über schier endlose, nur zum Teil vorhandene Straßen später sind wir am Ziel unserer Reise: Pasir Panjang, ein kleiner Ort in der Provinz Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos. Hier befindet sich eine Auffangstation für die Waldmenschen – Orang-Utans –, die für die nächsten knapp zwei Wochen unsere Arbeits- und Forschungsstätte werden soll. Die Station wird von Prof. Biruté Galdikas geleitet, die wie Jane Goodall und Dian Fossey Pionierarbeit zur Erforschung unserer nächsten lebenden Verwandten, den großen Menschenaffen, leistet.
In der Auffangstation empfangen uns am nächsten Tag 320 neugierige Augenpaare. Sie gehören 320 quirligen Affen im Alter zwischen wenigen Monaten und mehr als 10 Jahren. 320 Affen, deren Mütter wahrscheinlich getötet wurden, als sie in Palmölplantagen liefen, um an Nahrung zu gelangen oder als sie versuchten, den nahenden Baggern und Kettensägen zu entkommen. 320 Tiere, von denen jedes Einzelne seine eigene tragische Geschichte hat. Hier, in der Auffangstation bei Pasir Panjang, werden sie aufgenommen, aufgepäppelt, gesund gepflegt und vorbereitet für ein Leben im Wald, in den sie mit ca. sieben Jahren wieder ausgewildert werden. Dazwischen liegen jedoch viele Jahre, in denen sie z. T. rund um die Uhr betreut, gefüttert, sauber gemacht, verarztet und vor allem beschäftigt werden müssen. Die Gehege, die ursprünglich für einen Bruchteil der nun anwesenden Orang-Utans geplant waren, sind überfüllt. Und fast täglich kommen neue Tiere an …
Wir lernen die Menschen kennen, die sich um die Orang-Utans kümmern. Pak Sehat (rechts) – der seinem Namen „Gesundheit“ alle Ehre macht und der “Alpha-Mann“ der Belegschaft ist genauso wie er die Rangordnung unter den Orang-Utans anführt. Ibu Waliyati, die hier die tagtäglichen Geschäfte am Laufen hält. Mariyanti, die sich um Beschäftigungsmöglichkeiten für die vielen Orang-Utans kümmern soll, Dr. Popowati, die trotz ihrer zierlichen Gestalt jeden Tag einen Kraftakt vollbringt, wenn sie sich gemeinsam mit ihren Kollegen Dr. Budi und Dr. Prima um die Gesundheit der Tiere kümmert. Die Köchinnen, die jeden Tag die gesamte Belegschaft mit warmem Essen versorgen. Die Männer und Frauen, die jeden Tag die Käfige scheuern, Futter schneiden, Milch austeilen. Und wir treffen Biruté Galdikas, die trotz ihrer inzwischen 61 Jahre eine unbeschreibliche Willensstärke und Tatkraft ausstrahlt. Wir ziehen den Hut vor der Frau, die trotz zäher Verhandlungen mit indonesischen Behörden, illegaler Abholzungen innerhalb von Nationalparkgrenzen und finanzieller Engpässe nicht den Mut verliert. Wir beginnen zu verstehen, was diese Auffangstation für die Dorfbewohner bedeutet – eine Alternative zum Gelderwerb aus Holzraubbau, Palmöl und Wilderei.
Wir lassen uns die einzigartige Möglichkeit nicht entgehen und starten zu einer Tour in den ca. 400.000 Hektar großen Tanjung Puting Nationalpark. Mit einem Boot samt Kapitän, Schiffsjunge und Koch fahren wir stromaufwärts, während uns unser Guide von den Problemen der Region, dem fehlenden Wissen der Bevölkerung über das Ökosystem Regenwald und dem Einfluss von Wirtschaft und Industrie auf die Geschehnisse in dieser Region erzählt – und von seinen Träumen, einmal als Lehrer arbeiten und damit seine Familie ernähren zu können. Zu unserer rechten Seite erstreckt sich der dichte Wald des Nationalparks. Dagegen ist das linke Ufer, das nicht unter Naturschutz steht, bis auf wenige Baumriesen kahl so weit das Auge reicht.
Nach etwa drei Stunden erreichen wir Camp Leakey, wo Biruté Galdikas vor mehr als 30 Jahren mit ihren Forschungen zum Verhalten der Orang-Utans begann. In den folgenden zwei Tagen sehen wir Weibchen mit ihrem Nachwuchs, junge Männchen und ausgewachsene Tiere mit den großen typischen Backenwülsten. Es handelt sich dabei um bereits vor längerer Zeit ausgewilderte Orang-Utans. Sie kommen zur Zufütterungsplattform in der Nähe des Camps, wo sie Bananen erhalten, um zu vermeiden, dass sie mit der wilden Population in Nahrungskonflikte geraten. Da jedes Tier ein großes Streifgebiet bis zu mehreren Quadratkilometern benötigt, der Wald jedoch begrenzt ist, ist hier die höchstmögliche Dichte erreicht. Der Abschied vom Nationalpark fällt uns schwer und wir werden den Anblick dieser geheimnisvollen, stolzen Tiere hoch oben in den Baumwipfeln nicht vergessen.
Diese Wochen auf Borneo haben uns verändert. Wir haben uns schon immer für Affen und die Erforschung ihres Verhaltens begeistert. Hier jedoch ist uns bewusst geworden, dass unsere Arbeit kaum Sinn macht, wenn wir diese wunderbaren Tiere bald nicht mehr in freier Wildbahn beobachten können. Und dass der Moment, in dem sie von diesem Planeten verschwunden sein werden, nur noch wenige Jahre entfernt von uns ist, wenn wir nichts dagegen unternehmen.
Kurzprofil Dr. Katja Liebal und Dr. Daniel Haun
Katja Liebal erforscht das Kommunikationsverhalten von Menschenaffen, insbesondere den Gebrauch von Gesten in Gibbons und Orang-Utans im Zusammenhang mit den zugrunde liegenden sozio-kognitiven Eigenschaften, die arttypische Kommunikationsmuster ermöglichen.
Daniel Haun erforscht die Evolution verschiedener intellektueller Fähigkeiten der Menschenaffen. Hierfür vergleicht er verschiedene Primatenarten aber auch verschiedene menschliche Kulturen in Europa, Afrika und Südost-Asien. Sein besonderes Interesse gilt jenen Fähigkeiten die sozialem Verhalten zu Grunde liegen.